Der 1. GSiK-Tag - Die Vielfalt interkultureller Kompetenz

Prof. Dr. Heiner Bielefeldt im Audimax der Neuen Universität am Sanderring
von Dr. Jan-Christoph Marschelke

In seinem den 1. GSiK-Tag abschließenden Vortrag wies UN-Sonderberichterstatter Prof. Dr. Heiner Bielefeldt vor gut 300 Zuhörern nachdrücklich auf zwei Aspekte eines der interkulturell wohl wichtigsten Menschenrechte - der Religionsfreiheit - hin. Einerseits, so Bielefeldt, sei der Staat nicht zuständig dafür, Fragen der Identität, der Wahrheits- und Sinnsuche zu beantworten und auch nicht dafür, religiöse Gefühle Einzelner zu schützen. Andererseits müsse er aber die Religionsfreiheit gewähren, da diese die kommunikative Plattform für genau diese – für uns als Individuen – so wichtigen Fragen und Emotionen darstelle.

Trefflicher als dieser Gedankengang konnte eine Zusammenfassung des 1. GSiK-Tag am 06.05.2011 kaum sein. In zehn Workshops und anschließenden Open-Space-Diskussionen ging es nämlich genau darum: eine kommunikative Plattform für Vielfalt zu schaffen, nicht nur für kulturelle Vielfalt sondern für die Vielfalt der Blickwinkel und Anwendungsfelder der noch jungen wissenschaftlichen Disziplin der interkulturellen Kompetenz. Zehn Workshops, zehn Diskussionen, viele verschiedene Themen- und Fragestellungen, diverse, oft kontroverse Meinungen - aber ein gemeinsamer Bezugspunkt: Interkulturalität.

Zentrales Thema: Religionsfreiheit

Die Religionsfreiheit stellte dabei nicht nur in Bielefeldts mit großer Begeisterung aufgenommenem Vortrag ein zentrales Thema dar. Auch in den Workshops und Diskussionen der GSiK-Teilprojekte von der Katholisch-Theologischen und der Juristischen Fakultät waren die kulturelle und religiöse Pluralisierung der deutschen Gesellschaft und die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen Gegenstand. Sollten Kruzifixe in deutschen Schulen hängen und Muslima mit Kopftuch unterrichten dürfen?

Themenvielfalt der Disziplin „Interkulturelle Kompetenz“

Diejenigen, die mit dem Begriff der interkulturellen Kompetenz vor allem Kommunikationstrainings für geschäftliche Auslandseinsätze verbinden, mag dieser Themenkomplex im Kontext eines Projekts zu interkultureller Kompetenz überraschen. Statt Fragen individueller Kommunikation und Wahrnehmung im Ausland (worauf muss ich bei der Begrüßung achten, welche Hierarchievorstellungen herrschen vor?) werden hier gesellschaftliche Sachverhalte im Inland behandelt. Welches ist denn nun das eigentliche Anwendungsfeld für interkulturelle Kompetenz?

Der GSiK-Tag bot viele Antworten auf diese Frage an: Geschäftsleben und Gesellschaftspolitik, individuelles Wahrnehmen und kollektives Denken, die Konstruktion kultureller Standards als allgemeine Aussagen über Gruppen und ihre im Einzelfall stets vorkommende Widerlegung durch persönliche Eigenheiten eines jeden, die Frage, wie ich als Einzelner in einer mir fremden Umgebung zurechtkommen kann, und die, welche politischen Implikationen in massenmediale Darstellungen anderer Länder durch nationale Medien haben. Unnötig zu sagen, dass Gruppe und Einzelner miteinander in Wechselwirkung stehen, dass meine Umgebung mich beeinflusst und ich sie.

Alle diese Themen gehören zum Bereich der interkulturellen Kompetenz. Indes sind die Blickwinkel natürlich unterschiedlich, je nachdem ob man sich mit Herausforderungen des Teammanagements in einem internationalen Unternehmen oder universitären Labor beschäftigt oder mit Integrationsmaßnahmen einer deutschen Kommune.

10 Workshops und Diskussionen rund um die Interkulturalität

So bot der Workshop des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung zum Beispiel einen stark auf das individuelle Erleben bezogenen Ansatz, der sich jedoch nicht dezidiert mit den Spezifika einer bestimmten Kultur beschäftigt. Hingegen ging es bei den Veranstaltungen von Indologie, Sinologie und Slavistik genau darum: Kulturstandards bestimmter Gesellschaften aufzuspüren und mit den eigenen zu vergleichen. Und – dies bei unterschiedlicher Herangehensweisen der gemeinsame Blickwinkel des erziehungswissenschaftlichen und des wirtschaftswissenschaftlichen Workshops – wiederum die Konstruktion solcher Standards selbst zu hinterfragen: Wird hier nicht nur eine andere Art von Vorurteilen, Stereotypen geschaffen, welche die eigentlichen Bestrebungen eines besseren gegenseitigen Verständnisses konterkariert?

Auftakt zu breit gefächertem Semesterprogramm

Dass nach dem GSiK-Tag am Ende der ersten Semesterwoche im Sommer 2011 drei Monate mit gut 60 Seminaren, Vorträgen, Workshops und Tagungen zu interkulturellen Fragestellungen folgen, dürfte GSiK-Tag-Teilnehmer also nicht mehr überraschen. Die Aussicht entschädigt vielleicht auch dafür, dass vieles in diesen rund sieben Stunden nur sehr kurz thematisiert und diskutiert werden konnte.

Deutlich geworden sein sollte zudem eins: Dass es kein Fach und kein Berufsfeld gibt, in welchem man nicht von der Auseinandersetzung mit dem Thema „Interkulturalität“ profitieren kann. In vielen Bereichen ist es mittlerweile sogar eine äußerst wichtige Voraussetzung für ein gelingendes Berufs- und Alltagsleben.

 

Hier geht es direkt zu den Workshopergebnissen, den Bildern in der Mediengalerie und zum Bericht über den GSiK-Tag im einBLICK (vom 07.06.2011)