Erfahrungsbericht "Ein Tag als Muslima"

von Lic. Maria Luisa Mariscal-Melgar, LL.M.
Migration heute
Die Migration von Menschen lässt sich nicht schlicht zu den modernen Begleiterscheinungen der Globalisierung zählen; es hat sie immer gegeben. Da die Möglichkeiten Grenzen zu überschreiten heute aber um ein Vielfaches einfacher sind, gestaltet sich auch das Thema Migration komplexer als in der Vergangenheit. Einige Staaten versuchen diesen Prozess mitunter auf ihre eigene Art zu kontrollieren oder einzuschränken. Das geschriebene Recht stellt die Kultur dar, weil es ja aus menschlicher Schöpfung stammt[1]. Was passiert aber, wenn eine Kultur einer anderen in ihren Anschauungen widerspricht? Dann können Irritationen und Konflikte zwischen In- und Ausländern entstehen, die manchmal sogar in Straftaten münden.
Multikulturelle Gesellschaften sind heute Normalität. Wo Migrationsprozesse stattfinden, begegnen und vermischen sich auch unterschiedliche Kulturen. Deutschland ist Teil dieses globalen Mosaiks und so werden wir täglich mit verschiedenen Kulturen konfrontiert
"Das Fremde" - Verständnisprobleme
Leider kann es passieren, dass „die Fremden“ von der Gesellschaft ignoriert oder nur teilweise akzeptiert werden. Immerhin bleiben Migranten auch ihrer eigenen Kultur verbunden und leben diese zum Teil öffentlich aus. Fehlt das Verständnis für Migrations- und Integrationsprozesse, sehen wir zwar, wie sich die Gesellschaft vor unseren Augen verändert, aber wir sehen die „Fremden nur von außen“.
Um eine weitreichendere Akzeptanz zu schaffen, reichen auch neue Gesetze nicht aus. Um die Weltvorstellungen einer Gesellschaft zu verändern und die Integration zu fördern, müssen entsprechende Erfahrungen gemacht werden; am besten am eigenen Leib.

Selbsterfahrung als Muslima
Mit der Aktion „Ein Tag als Muslima“ wollten Jura-Dozentin Maria Luisa Mariscal-Melgar und Geschäftsführerin der Kontakt- und Informationszentrale für Muslime (Kimus) Sema Kuzucu Studentinnen der Universität Würzburg zu eigenen Erfahrungen über das „Muslimsein“ anregen. Dies sollte nicht nur durch Skripte und Seminare geschehen, sondern anhand aktiv erlebter Erfahrungen. Konkret bekamen die Studentinnen –ganz nach muslimischer Tradition – ein Kopftuch aufgesetzt und kleideten sich bedeckt.
Das Tragen des Tuches, welches gemäß der muslimischen Tradition Schutz bringen soll, fühlte sich für die Teilnehmerinnen am Anfang sehr seltsam an. Mit der Zeit gewöhnten sie sich aber daran und liefen durch die Straßen von Würzburg.
Die „Muslima auf Probe“ erfüllten unter neugierigen Blicken verschiedene Aufgaben in der Stadt. Dabei fiel ihnen auf, wie sensibel sie selbst auf einmal unter dem Kopftuch agierten. Man achtet plötzlich mehr auf die Blicke der anderen und beobachtet, wie die Menschen schauen oder ob sie sich umdrehen. Solche Details würde man im normalen Alltag ohne Kopftuch vielleicht gar nicht wahrnehmen. Kollektiv ist den Studentinnen aufgefallen, dass sich sogar ihre Wahrnehmung in Bezug auf andere Kopftuchträgerinnen, die ihnen auf der Straße begegneten, deutlich schärfte.
Es war interessant zu sehen, dass sich nur die wenigsten Passanten getraut haben, mit den Teilnehmerinnen zu sprechen. Die Initiative ging meist von den Studentinnen aus.
Als Muslima in die Kirche
Eine der Aufgaben, die von ihnen zu erfüllen war, spielte sich am Dom ab. Hier sollte ein Austausch über verschiedene Religionen hinweg stattfinden. Kaum hatten die Kopftuchträgerinnen die Kirche betreten, beschwerten sich zwei ältere Frauen. Die Studentinnen sollten „auf der Stelle das Kopftuch ausziehen“. Bevor die Teilnehmerinnen reagieren konnten, ergriff eine Ordensschwester, die den Kommentar ebenfalls gehört hatte das Wort und sagte: „Diese Frauen tragen das Tuch aus Überzeugung, genauso wie ich meine Schleife, also lassen Sie sie in Ruhe!“. Solch eine Reaktion und spontane Unterstützung hatten die Teilnehmerinnen nicht erwartet und freuten sich umso mehr darüber.

Bewerbungsgespräch und Besuch im Reisebüro
Die zweite Station der Aufgaben war ein preisgehobenes Geschäft in Würzburg. Zwei Studentinnen sollten hier nach einer ausgeschriebenen Stelle fragen und herausfinden, ob sie mit dem Kopftuch anders behandelt werden. Zu Beginn des Gesprächs erklärte die Verkäuferin höflich alle Details der Stelle. Außergewöhnlich schien den Studentinnen jedoch eine Andeutung am Ende des Gesprächs, als die Verkäuferin meinte: „Es wäre gut, wenn Sie Ihrer schriftlichen Bewerbung noch ihre Zeugnisse hinzufügen würden…falls Sie welche haben“. Im Nachhinein haben die Teilnehmerinnen der Verkäuferin erklärt, dass sie im Rahmen des Projekts "Globale Systeme und interkulturelle Kompetenz" unterwegs sind und hierfür „Einen Tag als Muslima“ erleben. Die Verkäuferin war daraufhin sehr nervös und ruderte zurück. Den Kommentar hätten die Studentinnen falsch verstanden und sie habe das nur gesagt, weil ihr die Bewerberin zu jung erschien. Wie auch immer; dies blieb die einzige negative Erfahrung, die die Teilnehmerinnen an ihrem Tag mit Kopftuch erlebten.
Schließlich sollten die Studentinnen im Bahnhof einen Urlaub buchen, bei dem sie allerdings nicht genau wissen, wohin die Reise gehen soll. Ferner sollte die ganze Familie mitreisen. Trotz der vagen Angaben verhielt sich der Bahnangestellte sehr freundlich, was für eine angenehme Überraschung sorgte. Er beantwortete alle Fragen geduldig und nahm sich die Zeit, mit den Teilnehmerinnen weitere Details zu klären.
Bekannte Gesichter?
Auf dem Rückweg zur Universität trafen die Teilnehmerinnen ein paar bekannte Gesichter: Freunde, die sie schon lange kannten. Es war für die Teilnehmerinnen spannend zu sehen, dass ihre eigenen Freunde sie nicht mehr erkennen konnten. Nach ein paar Minuten entschlossen sie sich, die Freunde anzusprechen. Diese waren ziemlich überrascht und mussten ganz genau hinsehen um festzustellen, dass die Unbekannten doch alte Freundinnen waren.
Fazit
Das Experiment in der Würzburger Innenstadt hat zwei Stunden gedauert. In dieser Zeit sind die Teilnehmerinnen zu der Erkenntnis gekommen, dass die Bevölkerung auf sie überwiegend positiv reagierte und dass manche Probleme, die zwischen Menschen mit verschiedenen kulturellen Prägungen entstehen, nur auf Angstgefühlen gründen. Insbesondere auf der Angst vor dem Fremden; einer Angst, die uns daran hindert, die anderen besser kennen zu lernen.
[1]Lampe, in: Festschrift Wezel, S. 151 (153ff.); Schemann, Rechtstheorie 29 (1998)
Berichterstattung
Die gemeinsame Aktion von GSiK und Kimus wurde auch in den türkischen Medien publiziert. Die Links finden Sie in der Mediengalerie unter GSiK in den Medien.
Auf
kimus.de finden Sie außerdem ein Video zur Aktion "Ein Tag als Muslima".

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