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    Juristen ALUMNI Würzburg e.V.

    Tagungsbericht zum Online-Seminar: Digitale Lehre

    10/26/2020

    Virtuelle Lehre als Herausforderung und Chance

    Virtuelle Lehre als Herausforderung und Chance

    Online-Seminar der Juristen Alumni Würzburg

     

    Am 21. Oktober 2020 fand das Online-Seminar der Juristen-Alumni Würzburg zum Thema „Virtuelle Lehre als Herausforderung und Chance“ statt. In dem Seminar wurden Erfahrungen zur virtuellen Lehre an der Juristischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg ausgetauscht und diskutiert. Die Vor- und Nachteile der Online-Lehre werden seit März 2020 intensiv diskutiert. Nun gaben die Würzburger Juristen-Alumni zum ersten Mal die Möglichkeit, dass sich Lehrende, wissenschaftliche Mitarbeitende sowie Studierende gemeinsam über die Online-Lehre an der Fakultät austauschen. Über ihre Erkenntnisse aus dem letzten Semester haben unter anderem der Studiendekan, Prof. Dr. Wolfram Buchwitz und Prof. Dr. Markus Ludwigs als Vertreter für die Lehrende sowie viele wissenschaftliche Mitarbeitende berichtet.

     

    Zunächst zeigte der Alumni-Vorsitzende, Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf, auf, dass die OnlineLehre kein erst durch die Corona-Pandemie entstandenes Thema ist. Bereits vor 20 Jahren hat die vhb (Virtuelle Hochschule Bayern) angefangen, ein breites Spektrum an Online-Angeboten für Studierende anzubieten. Die Juristische Fakultät der JMU-Würzburg hat sich früh der Online-Lehre angenommen und ist seit 2010 der größte Anbieter von juristischen eLearningKursen deutschlandweit. Die Online-Lehre beschränkt sich schon lange nicht mehr auf die Nutzung von Computern oder das Internet. Vielmehr wird bereits heute der Einsatz von Virtueller-Realität als Möglichkeit zur Optimierung der digitalen Lehre diskutiert. Dadurch ist es möglich, dass ein Kurs in einem virtuellen Raum stattfindet und jede Person durch einen Avatar dargestellt wird. Prof. Hilgendorf stellte die Vor- und Nachteile der virtuellen Lehre dar und prognostizierte, dass infolge der aktuellen Entwicklungen die Lehre einen Digitalisierungsschub erfahren werde. Alle Universitäten weltweit stehen heute vor denselben Herausforderungen und müssen Möglichkeiten zur Umsetzung der digitalisierten und virtuellen Lehre generieren. International sehr renommierte Universitäten sind hierbei nicht wesentlich weiter als die Würzburger Juristenfakultät. Deshalb plädiert Prof. Hilgendorf dafür, dass die Juristische Fakultät der JMU-Würzburg entsprechende Akzente setzen sollte. ELearning soll nicht lediglich als Notlösung zur Überbrückung der aktuellen Pandemie dienen, sondern vielmehr dauerhaft begleitend zur Präsenzlehre eingesetzt werden. Insbesondere wäre es dadurch auch möglich, Kurse im Ausland anbieten zu können. Dies würde nicht nur deutschen Studierenden zugutekommen, sondern auch das internationale Ansehen der deutschen Wissenschaft fördern.

    Im Anschluss stellte Prof. Buchwitz die Ergebnisse der studentischen Evaluation der Fakultät des letzten Semesters vor. Der Durchschnittswert der gesamten Evaluationen liegt bei der Note 1,94; im Vergleich zum Wintersemester eine leichte Verbesserung. Sie zeigt, dass das digitale Semester an der Juristischen Fakultät sehr erfolgreich war und lässt positiv auf das kommende Hybrid-Semester blicken. Viele Studierende begrüßten die mit der digitalen Lehre einhergehende Flexibilität, einzelne Vorlesungen auch zu einer späteren Zeit hören und vertiefen zu können. Danach stellte Prof. Buchwitz vier mögliche Variationen zur Durchführung der virtuellen Lehre vor, die an der Fakultät genutzt wurden:

     

    1. Live-Übertragung

    In den meisten Fällen wurden die Veranstaltungen unverändert ins Digitale durch Livestreams über Zoom oder YouTube zu den üblichen Zeiten übertragen. Es hat sich herausgestellt, dass Zoom hierfür teilweise besser geeignet ist, da im Gegensatz zu YouTube keine Anmeldung notwendig ist, um beispielsweise am Chat teilnehmen zu können. Zudem birgt YouTube als Plattform die Gefahr, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer von außerhalb der Fakultät die Veranstaltung „besuchen“ und im Chat durch sog. „Livestream-Crashing“ für Ablenkung sorgen. Auch wenn beispielsweise durch eine schlechte Internetverbindung Probleme auftauchen können, wären Live-Übertragung der Veranstaltungen auch im nächsten Semester zu begrüßen.

     

    2. Live-Übertragung + Upload von Inhalten

    Eine zweite Möglichkeit besteht darin, neben der Live-Übertragung gleichzeitig die Veranstaltung aufzunehmen und anschließend als Video online zur Verfügung zu stellen. Hierdurch haben Studierende auch zu einer späteren Zeit Zugriff auf die Veranstaltung. Auch aus didaktischen Aspekten ist diese Variante sehr zu begrüßen und wurde von den Studierenden auch sehr wohlwollend aufgenommen. Allerdings führt diese Variante leicht zu einer Standardisierung des Vortrags und hemmt die Spontanität des Vortragenden.

     

    3. Synchrone und asynchrone Inhalte

    Teilweise wurde auch die Kombination aus synchronen und asynchronen Inhalten präferiert. So wurden vor den Veranstaltungen beispielsweise Lernvideos oder Wiederholungs- und Vertiefungsfragen hochgeladen und im Anschluss in einem kürzeren Zoom-Meeting besprochen. Dies ermöglicht, dass Studierende den Stoff vorab lernen und dann die Möglichkeit erhalten, den Dozierenden Fragen zu stellen („Inverted Classroom Model").

     

    4. Nur Materialen online stellen

    Letztlich haben wenige Lehrende vorgezogen, lediglich Materialien online zu stellen (pdfDateien, Skript oder Powerpoint-Folien). Diese Variante wurde von den Studierenden durchweg kritisiert, da es keine äquivalente Alternative zur Präsenzlehre bietet.

    Die Digitalisierung der Lehre hat sich nicht erheblich auf die Evaluation ausgewirkt. Bisher gutbewertete Veranstaltungen wurden auch weiterhin positiv bewertet. Wichtig sei, dass Materialien grundsätzlich bis zum Ende des Semesters verfügbar sind, damit Studierende auch kurz vor der Klausur noch die Möglichkeit haben, diese aufzurufen. Zudem sei jedenfalls im nächsten Semester mindestens ein synchrones Format, beispielsweise in Form eines LiveStreams, wichtig und sollte auch weiterhin angeboten werden.

    Aus studentischer Sicht wurde zunächst die Signifikanz der Bibliothek hervorgehoben. Für viele Studierende ist das Lernen von zu Hause aus mit größeren Schwierigkeiten verbunden, sodass mit der Schließung der Bibliothek auch teilweise erhebliche Motivationsschwierigkeiten einhergegangen sind. Auch unter erschwerten Bedingungen sind die Studierenden bereit, die Bibliothek aufzusuchen; selbst an sehr kalten Tagen nehmen sie die dauerhafte Lüftung in Kauf. Im Gegensatz zu den Dozierenden wurde die mangelhafte Interaktion jedoch nicht als besonders problematisch erachtet, da dies auch bei Präsenzveranstaltungen nicht immer die Regel sei. Vielmehr haben sich die Studierenden für eine verstärkte Interaktion bei den jeweiligen Fall-Übungen („Konserven“) ausgesprochen.

    Die Chat-Funktion bei Zoom-Veranstaltungen wurde als störend empfunden, weil sie den Fluss der Veranstaltung unterbricht. Besonders positiv an der digitalen Lehre ist die damit einhergehende Flexibilität für die Studierenden, Veranstaltungen auch zu einer späteren Zeit nachholen zu können. Sowohl von Professoren als auch von wissenschaftlichen Mitarbeitern wurde grundsätzlich die ausgeschaltete Kamera als Ursache für eine mangelnde Partizipation benannt. Die Studierenden konnten diesem Punkt zwar beipflichten, konstatierten jedoch, dass eine Kamerapflicht keine Besserung verspricht, sondern eher dazu führt, dass teilweise Studierende die Veranstaltungen nicht mehr besuchen werden. Insbesondere sei die Atmosphäre maßgeblich für eine Teilnahme. Durch eine entspanntere Atmosphäre steigt die Bereitschaft zur Einschaltung der Kamera. Zudem sei der Grund für das Ausschalten der Kamera auf eine gewisse Scheu gegenüber den Kommilitoninnen und Kommilitonen zurückzuführen. Darüber hinaus wünschen sich die Studierenden eine deutlich frühere Kommunikation der Klausurtermine, die teilweise im letzten Semester sehr spät erfolgte. Im nächsten Semester sollte dies verbessert werden, da beispielsweise in den Großen Übungen mehrere Klausuren im Semester geschrieben werden.

    Nach einer sehr aufschlussreichen Diskussion stellte Prof. Ludwigs die Sicht eines Professors zur virtuellen Lehre vor. Seine Veranstaltungen wurden besonders gut evaluiert. Wie Prof. Ludwigs berichtete, hat er in seinem Examenskurs im Vorfeld Wiederholungs- und Vertiefungsfragen den Studierenden zur Verfügung gestellt, die anschließend im ZoomMeeting gemeinsam besprochen worden. Infolge der Vorbereitungsmöglichkeit haben viele Studierende auch partizipiert. Um den stark frequentierten Nachfragen durch den Chat nachkommen zu können, wurde Prof. Ludwigs von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterstützt. Dadurch konnten auch die teilweise kryptischen Fragen dechiffriert und beantwortet werden. Ungeachtet der sehr guten Umsetzung der Lehrveranstaltungen ins Digitale, präferiert Prof. Ludwigs die Präsenzlehre, die seiner Ansicht nach auch nicht durch die virtuelle Lehre ersetzt werden sollte.

    Als „Brücke“ zwischen der Professorenschaft und Studierenden, wurden danach die Eindrücke von wissenschaftlichen Mitarbeitern besprochen. Insbesondere im Rahmen der „Konserven“ haben sich die Folgen des mangelnden persönlichen Kontakts gezeigt. Regelmäßig wenden sich Studierende mit den unterschiedlichsten Fragen an die wissenschaftlichen Mitarbeiter, weil sie unter anderem aufgrund des geringen Altersunterschieds eine niedrigere Hemmung haben, den Kontakt zu suchen. Wegen der ausgeschalteten Kamera konnte oftmals keine gemeinsame Falllösung erfolgen, sodass sich die Konserven mehr zu einer Art Frontalunterricht entwickelten. Darüber hinaus möchten viele Studierende Probleme im Anschluss einer Veranstaltung persönlich besprechen. Dies konnte zwar dadurch gewährleistet werden, dass die Konservenleiterin oder der Konservenleiter nach der Veranstaltung noch im Zoom-Meeting geblieben ist. Problematisch wurde es aber, wenn mehrere Studierende ein Anliegen zu besprechen hatten. In solchen Fällen kam ein Gespräch nicht zustande, sodass viele Anfragen via E-Mail erfolgten. Infolgedessen haben einige wissenschaftliche Mitarbeiter im Vergleich zur Präsenzlehre teilweise sehr lange E-Mails beantwortet.

    Zum Abschluss der Veranstaltung stellte Dr. Holger Kächelein die Virtuelle Hochschule Bayern (vhb) mit deren Leitgedanke: „Digitalisierung gemeinsam meistern“ vor. Es wurden die vielseitigen Möglichkeiten aufgezeigt, um einen Online-Kurs anbieten zu können. Zunächst gibt es die klassischen vhb-Kurse, die regelmäßig für bayerische Studierende vorgesehen sind. Daneben gibt es open-vhb-Kurse, die weltweit belegt werden und sich zunehmender Bekanntheit erfreuen. Durch smart-vhb-Kurse haben Lehrende außerdem die Möglichkeit, einzelne Lerneinheiten in ihre Veranstaltungen zu integrieren, in dem sie ein 45-minütiges Lernvideo zu „klassischen Themen“ erstellen. So kann beispielsweise im Besonderen Verwaltungsrecht ein Kurs zu Begriff und Inhalt des Verwaltungsakts belegt werden. Summa summarum ist die vhb eine ausgezeichnete Plattform, zur Umsetzung der digitalen Lehre.

    In der online-Veranstaltung der Alumni konnte ein breiter Austausch zwischen den Dozierenden und den Studierenden stattfinden, aus dem die Lehrenden Erfahrungen für das kommende Semester sammeln konnten. Stichpunktartig lassen sich die Vor- und Nachteile der digitalen Lehre wie folgt darstellen: Flexibilität, Fülle leicht zugänglicher Informationen, Vernetzung mit Lehrenden und Lernenden weltweit, Einsatz neuer Lehrmodelle wie der „Inverted Classroom“, neue Lernmöglichkeiten. Dem stehen aber auch Nachteile gegenüber: Tendenz zu didaktischem Reduktionismus, Verlust von persönlichem Kontakt insb. für Erstsemester, Durchführung von Prüfungen ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, Mangelnde Partizipation der Studierenden, teilweise erhebliche Disziplinprobleme, Ablenkungsmöglichkeiten sehr hoch, Studierende zu motivieren ist nur bedingt möglich, wenig visuelles „Feedback“ für Dozierende.

    Insgesamt war die Veranstaltung ein großer Erfolg. Alle Interessierten haben neue Impulse für das kommende Semester erhalten. Letztlich ist die virtuelle Lehre „keine Einbahnstraße von Dozierenden zu Studierenden“. Vielmehr ist es wichtig, Diskussionsräume zu schaffen und gemeinsam den Weg zur digitalen Lehre einzuschlagen. Das kommende Semester wird ein hybrides sein, d.h. es werden sowohl Online- als auch Präsenzveranstaltungen stattfinden. Dies bringt neue Herausforderungen mit sich. Beispielsweise ist es denkbar, dass Studierende wegen des Infektionsgeschehens nicht an Präsenzveranstaltungen teilnehmen können, oder die Präsenzveranstaltung zwischen zwei Online-Veranstaltungen gelegt ist, sodass es faktisch nicht möglich ist, an den Veranstaltungen teilzunehmen. Denn regelmäßig müssen die Studierenden nach Hause fahren, um an der Online-Veranstaltung teilnehmen zu können. Ein weiteres Problem ist, dass viele Veranstaltungen auch digital parallel stattfinden, da grundsätzliche keine Buchungskollision für die Räume möglich ist. Zudem wird immer wieder eine Kamerapflicht vorgeschlagen, die jedoch schwer umsetzbar scheint. Somit gibt es noch einige Fragen zu klären und das Semester lässt nicht mehr lange auf sich warten. Sehr hilfreich wäre, künftig gemeinsam mit Lehrenden, Assistenten und Studierenden ein „Best-Practice-Katalog“ zu erstellen. Dadurch wäre es möglich, Erfahrungen zu dokumentieren und Handlungsempfehlungen für Lehrende wie Lernende auszusprechen. Die digitale Lehre bringt sehr weitreichende Möglichkeiten mit sich und ist ein kreativer Prozess. Die Entwicklungsphase ist insbesondere für die künftige Lehre auch nach der Corona-Pandemie entscheidend. Durch klar definierte Empfehlungen können gerade neue Studierende profitieren, wenn beispielsweise festgehalten wird, dass eine eingeschaltete Kamera für den Lernerfolg förderlich ist. Professoren können ihre Lehrveranstaltungen den Empfehlungen entsprechend planen und auf dieser Grundlage weitere Empfehlungen definieren bzw. die vorhandenen optimieren. Zur Kamerapflicht wurde vorgetragen, dass das kurze Einschalten am Anfang und am Ende ein guter Kompromiss sein könnte, um die Partizipation und Konzentration zu fördern. Solche Praktiken müssen sich jedoch noch bewähren und sollten definitiv mit ihren Vor- und Nachteilen diskutiert werden.

    Im Anschluss an das nächste Semester soll eine weitere Veranstaltung zur digitalen Lehre durch die Juristen Alumni Würzburg folgen.

     

    Würzburg, 26.10.2020                                               

    Enis Tiz

     

    Den Tagungsbericht können Sie auch als PDF-Datei herunterladen.

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